550 Jahre          Grün-    donners­tags-  Fuß­wa­schung 1470-2020

aus der Oberacherner Dorfgeschichte

550 Jahre

GRÜNDONNERSTAGSSTIFTUNG DER PFARRKIRCHE 
„ST. STEFAN“ OBERACHERN 
(1470 - 2020)



Johannes von Bergzabern und die Stiftung vom 7. Mai 1470

Im Mittelalter war die Bereitschaft für religiöse Stiftungen sehr groß. Dabei nehmen beispielsweise die Kaplaneistiftungen in der Ortenau einen bedeutenden Platz ein. Diese - wie auch die Gründonnerstagsstiftung - wurden in der Regel vom Adel, vom besitzenden Bürgertum oder vom Klerus getätigt. Stiftungszweck war bei den Kaplaneistiftungen die tägliche Heilige Messe; oftmals war solch eine Kaplanei auch die Grundlage zur Gründung eigener Pfarreien wie Kappelrodeck 1447 und 1535 in (Nieder-)Achern. Ein wichtiges Ereignis für die Oberacherner Kirchengeschichte ist die Stiftung einer Priesterpfründe für ewige Zeiten auf den neu errichteten Marienaltar der Stefanskirche am 25. August 1372 durch die Witwe des Vogtes Andreas von Achern, Gisela von Hofweier. Aber die bedeutendste Stiftung in Oberachern ist die 2020 550 Jahre alte „Gründonnerstagsstiftung“, um deren Erforschung sich Pfarrer Albert Bissinger ((siehe Abbildung) und Rektor Eugen Beck besondere Verdienste erworben haben.“ 

Am 7. Mai 1470 beurkundeten der herrschaftliche Vogt des Gerichtes Achern, Jörg Röder, und die zwölf Gerichtsgeschworenen, dass die sieben Heiligenpfleger Cunrad Willkus, Claus Ruhen, Heinrich Mouchen, Stephan Rotten, Wernher Mener, Ludwig Schnider und Hans Weidelich der Stefanskirche Oberachern zu "nutz, ehere und löblicher gezierde willen derselben kirchen und gott zu ehren und dienstbarkeit", von Herrn Pfarrer Johannes von Bergzabern, Kirchherr der Stefanspfarrei, ein Kapital von 80 Rheinischen Gulden empfangen haben und verpflichteten sich, für den Erhalt dieses Kapitals alljährlich am Gründonnerstag eine ewige Gült von 2 Pfund und 2 Schilling Straßburger Pfennig („järliches undt rechts ewiges Zinses alle jar zu geben zu bezahlend uf den Grünen Donderstag“) zu bezahlen. Dieser Zins sollte unter folgenden Bedingungen ausgegeben werden:
Zunächst verpflichteten sich die Heiligenpfleger dazu, dass eine Fußwaschung („ambaht“) an zwölf auserwählten „hausarmen menschen oder anderen mannspersonen“ aus Oberachern, Niederachern, Fautenbach und Gams¬hurst abgehalten wird – und wenn es in diesen Orten nicht genügend wären – dann auch aus den Nachbardörfern Sasbach, Großweier und Waldulm. Diese Zwölf erhielten jeweils noch 4 ½ Ellen Leinwand („zwilches“). Außerdem sollten die anderen anwesenden Armen durch eine Brotspende im Wert von 5 Schilling Pfennig gesättigt werden. Für das Einsammeln des Zinses hatten sechs Priester aus der Nachbarschaft zu sorgen: die Leutpriester von Sasbach, „St. Johannes“ Oberachern, Fautenbach und Gams-hurst, der Kirchherr zu Großweier und der Lieben-Frauen-Kaplan von Oberkappel. Schließlich war auch festgelegt, dass der Mesner 4 Pfennig für seine Arbeit zu bekommen hatte.

Dieses "Ambath" hatte der Kirchherr von „St. Stefan“ vorzunehmen und Pfarrer Johannes von Bergzabern stiftete zur Fußwaschung die notwendigen Bücher, das Waschbecken, das Gießfass ("Aquamanile", siehe Abbildung) und die Tücher. Außerdem vermachte er "umb gottes und seiner seelen heil willen" der Pfarrkirche seine Büchersammlung. Diese Sammlung wurde in der Sakristei verwahrt und war für jedermann zugänglich. Die Heiligenpfleger mussten durch Handschlag „an eydes statt“ loben, das Kapital so anzulegen, dass die Stiftung „ausgerichtet und ausgetragen werden kann“ und durften „in keiner Weise dagegen zu handeln“. Die „ehrsamen Priester“, der Erzpriester, der Kammerer und das Kapitel Ottersweier hatten die Ausführung der Stiftung zu überwachen. Sollten den Verpflichtungen nicht nachkommen werden, konnten die Erzpriester durch geistliches oder weltliches Gericht pfänden lassen.

Aufgrund dieser Stiftung liegt der Schluss nahe, dass Pfarrer Johannes von Bergzabern eine sozial eingestellte Persönlichkeit gewesen sein muss, weil die Vertreter der Apostel ausschließlich arme Männer waren, die das für die Zeremonie verwendete Zwillichtuch geschenkt be-kamen. Und auch nur arme Leute vom Ort wie auch Auswärtige erhielten Brot aus der Stiftung. Bemerkenswert ist dabei auch die Beteiligung von benachbarten Pfarreien. Wahr-scheinlich war Johannes von Bergzabern auch ein kunstsinniger Kirchherr, wenn es ihm mög-lich war, solch ein bemerkenswertes Gefäß wie das Aquamanile zu besitzen und der Pfarrei zu schenken. 

Im Laufe der Jahrhundert ging das Stiftungskapital zur Neige, sodass auch die Zinsen folglich nicht mehr verteilt werden konnten.  Trotzdem wurde die Tradition der Fußwaschung am Gründonnerstag über die Jahrhunderte beibehalten und wird auch noch in der heutigen Zeit von der Pfarrgemeinde gepflegt. Nur viermal konnte sie nicht ausgeübt werden: zweimal im Drei¬ßigjährigen Krieg (1618–1648) sowie einmal im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) – möglicherweise auch wegen Vakanz der Pfarrei – und ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2020 aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie. Statt der in der Urkunde genannten "haußarmen mannspersonen" – nachweislich wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch zwölf Arme für die Fußwaschung ausgewählt, denen dann aus dem Kirchenfonds ein Betrag ausbezahlt wurde – besteht die heutige Jüngergemeinschaft aus 12 Männern der Gemeinde, die bei hohem Alter oder Tod eines Mitgliedes einen "neuen Jünger" wählen. Das Gremium hat einen Sprecher und kommt nach der Liturgie mit dem Pfarrer zu einer gemeinsamen Mahlzeit („Agape“) zusammen, zu der immer abwechselnd einer den Wein, der Pfarrer den Imbiss stiftet.

Neben dem Aquamanile gibt es noch weitere Hin¬weise auf diese jahrhundertealte einzigartige Tradition. So befin¬det sich in der heutigen Taufkapelle im Kirchturm, die bis 1905 der Chor-raum der alten Pfarrkirche war, eine Gedenktafel zu Ehren von Pfarrer Johannes von Bergzabern. Die Umschrift um den darauf dargestellten Kelch und die Jahreszahl 1475 lautet:  "Memoria Domini Johannis de Bergzabern, rectoris huius ecclesiae, qui hic insituit mandatum in cena Domini et anniversarium ei (?) - Orate pro eo." Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei dieser Tafel sogar um seine Grabplatte handelt, denn Johannes von Bergzabern war 1479 nach¬weislich nicht mehr am Leben.
Außerdem ließ Pfarrer Albert Bissinger während seiner Amtszeit in Oberachern und anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Fußwaschung 1970 eine kleinere Steinplatte mit der Übersetzung des obigen Textes als Erinnerung an die Stiftung anbringen: „Gedenkstein des Herrn Johannes von Bergzabern, Rektors dieser Kirche + 1475, der hier die Fusswaschung am Grün-donnerstag  und einen Jahrtag stiftete. Betet für ihn.“ (siehe Abbildung)


DAS SCHICKSAL DES "AQUAMANILE" (GIEßFASS) 
DER GRÜNDONNERSTAGSSTIFTUNG

Das in der Urkunde genannte, wertvolle Gießfass weist eine wechselhafte Geschichte auf.
Das Aquamanile ist ein 34 cm hoher und 30 cm breiter Bronzeguss und stellt Samson (Simson) dar, der auf einem Löwen reitet und diesem das Maul auf¬reißt. Samson, der Löwenbesieger, symbolisiert hierbei Christus, den Sieger über alles Böse. Die Mähne des Löwen und das Gewand des Samson mit seiner Kreismusterung ist sehr schön gearbeitet. Der Schweif des Löwen bildet den Henkel, der Einguss ist am Kopf des Samson und die Ausgusstülle hat die Form eines zusätzlichen Tierköpfchens. Möglicherweise wurden solche Aquamanile von den Kreuzfahrern nach Europa mitgebracht und die Eleganz der Darstellung lässt auch auf den Gebrauch im ritterlich-höfischen Leben des Mittelalters schließen. Sie scheinen aber auch eigens für die liturgische Handwaschung in der Hl. Messe anfertigt worden sein.

Gemäß dem 1935 erstellten Gutachten von Otto von Falke und Erich Meyer wurde das Gefäß zu Beginn des 14. Jahrhunderts wohl in einer Hildesheimer Werkstätte angefertigt, wo die Gießkunst damals in hoher Blüte stand. Darin heißt es: „Der Kopf des Löwen hat in der ornamentalen Zeichnung so weitreichende Ähnlichkeit mit den Hildesheimer Arbeiten, dass man das schöne Stück mit gutem Recht für Hildesheim in Anspruch nehmen darf. … Mit besonderer Sorgfalt ist der Mantel Simsons mit einem romanischen Kreismuster verziert und unten durch eine fein gearbeitete Borte abgeschlossen. Die spitzblätterigen Rosetten zwischen den Kreisen sind nicht mehr romanisch und erheischen eine Datierung in den Beginn des 14. Jahrhunderts.“ 

Über mehrere Jahrhunderte gehörte dieses Beispiel mittelalterlicher Handwerkskunst zum Inventar der Stefanskirche. Denn gemäß der Urkunde vermachte Johannes von Bergzabern das Gefäß der Pfarrei, d. h. frühestes mit seinem Dienstantritt in Oberachern 1447 befand es sich in hier und war damals schon über 100 Jahre alt. In einem alten Verzeichnis der Pfarrkirche – wahrscheinlich aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts – wurde das Gießfass mit einem Kronentaler (ca. 5 Mark) angeschlagen. Der wirkliche Wert des Aquamanile zeigt sich erst im weiteren Verlauf seiner Geschichte.

Im Jahre 1881 wurde das Aquamanile auf einer Kunstgewerbe- und Antiquitätenausstellung in Karlsruhe gezeigt. Es zog die Aufmerksamkeit vieler Kunstkenner auf sich. Viele Kunstliebhaber versuchten, dieses wertvolle Stück zu erwerben. In Oberachern selbst war man nicht abgeneigt, das Gießfass zu verkaufen, denn man hatte ernsthaft einen Kirchenneubau ins Auge gefasst. So verkaufte schließlich die Stiftungskommission das Gießfass zugunsten des Kirchenbaufonds und mit Erlaubnis der zuständigen Behörde für rund 8.000 Mark.

Dass dieser Betrag nur ein Bruchteil des wahren Wertes war, zeigte die weitere Entwicklung. Über Frankfurt kam das Aquamanile in die damals weltbekannte Sammlung von Dr. Albert Figdor in Wien. Albert Figdor verstarb 1927 und er vererbte seine Sammlungen nach Heidelberg. Weil die Sammlung aber nicht ausgeführt werden durfte, kam es schließlich 1930 in Wien und Berlin zu der international beachteten Versteigerung der gesamten Sammlung (Anzeige hierzu s. u.). Die Versteigerung des Aquamanile fand schließlich am 29. September in Berlin durch das bekannte Auktionshaus Cassirer statt. Obwohl es schon viele Jahre nicht mehr in Deutschland war, wurden in Baden vielfach Stimmen laut, das Aquamanile wieder ins Land zurückzuholen. Die Stadtverwaltung Freiburg sowie das Kultusministerium in Karls¬ruhe wollten diese Gelegenheit nutzen und bewilligten jeweils 15.000 Reichsmark zur Ersteigerung des Stückes. Der Direktor der Städt. Sammlung im Augustinermuseum Freiburg, Professor Dr. Werner Noack, sollte diese Aufgabe übernehmen. Neben Prof. Dr. Noack war außerdem noch der Freiburger Universitätsprofessor Prälat Dr. Joseph Sauer mit anwesend. 

Die Aussichten waren zunächst günstig, denn der Anschlag betrug 25.000 Reichsmark. Leider entwickelte sich die Versteigerung nicht in badischem (und auch in Oberacherner) Interesse, denn die Ereignisse überschlugen sich in Anbetracht dieses außergewöhnlichen und verbrieften Kunstwerkes. Die Kunsthändler Joseph Brummer (New York) und Jacob Hirsch (Genf) über-boten die 30.000 Reichsmark um ein Mehrfaches und erwarben das Gießfass zu gleichen Tei-len.  Schließlich bezahlten sie für das Aquamanile insgesamt 106.000 Reichsmark. 1940 veräußerten es die beiden Kunsthändler für 42.000 $ an das Museum of Fine Arts in Bosten (Massachusetts, USA) weiter (Eingangsdatum: 9. Mai).  

Der Heimathistoriker Eugen Beck (siehe Abbildung), seit 1950 Lehrer und von 1953 bis 1962 Rektor der damaligen Oberacherner Volksschule, konnte schließlich bei seiner Amerikareise 1968 das weitere Schicksal des Gießfasses anhand von Katalogen klären und fünf Jahre später bewundern und fotografieren:

Im Februar 1937 wurde das Gießfass bei der Ausstellung "Master Bronzes“ (Meisterbronzen) in der Albright-Gallery in Buffalo (New York, USA) gezeigt. Inzwischen war der langjährige Leiter des Städel‘schen Instituts und spätere Direktor der Städtischen Sammlungen Frankfurt am Main, Dr. Georg Swarzenski, aufgrund der politischen Ereignisse in Deutsch¬land 1938 nach Amerika emigriert. Schon ein Jahr später fand er am Museum of Fine Arts in Bosten eine neue Anstellung als Kurator und hat als solcher die heute drittgrößte Sammlung mittelalterlicher Kunst in den Vereinigten Staaten aufgebaut, in welcher sich auch das Gießfass – wie bereits erwähnt – seit 1940 befindet. Dr. Swarzenski nennt es in einer Schrift des Museums als "das wunderbarste Stück unter den interessanten Produktionen mittelalterlicher Bronzearbeiten". 

Dass das Gießfass auch in der deutschen Fachwelt nicht vergessen war, wird dadurch deut-lich, dass es bei der Stauferausstellung 1977 in Stuttgart erstmals seit 1930 wieder in Deutsch-land gezeigt werden konnte. Mit dem Hinweis „Aus der Pfarrkirche von Oberachern in Baden, dann Sammlung Figdor in Wien“. Nachdem Rektor Eugen Beck das Aquamanile 1973 in Bosten zu Gesicht bekam, war es bei der Stauferausstellung Pfarrer Albert Bissinger vergönnt, das Gießfass ebenfalls in Augenschein nehmen zu können.

Dieser Aufsatz kann auch unter www.hvoberachern.de in Form einer PDF-Datei heruntergeladen werden. 

Reiner Vogt, 
Heimat- und Verschönerungsverein Oberachern e. V., 2020